Mellin/Glambeck – der geheimnisvolle Geburtsort des großen Physikers Franz Neumann

15. Juli 2013

Nach dem Frühstück haben wir uns die Privaträume von Erich Honecker auf Hubertusstock angesehen. Der weitere Vormittag ist einem Mann gewidmet, mit dem ich mich früher sehr intensiv beschäftigte und der mir auch heute noch viel bedeutet. Er hat nicht nur die Theoretische Physik mitbegründet, sondern auch für die naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächer die Seminare entwickelt, wie wir sie heute noch an allen Hochschulen kennen.

Aus der Biografie von Franz Neumann

Franz Ernst Neumann (1798-1895)
Franz Ernst Neumann (1798-1895)

Franz Ernst Neumann (11. September 1798 bis 23. Mai 1895) wurde ganz in der Nähe von Joachimsthal geboren, unter nahezu dramatischen Umständen. Seine Mutter war die geschiedene Gräfin von Mellin, geborene von Kahlden, der Vater ihr Gutsverwalter. Ihre Beziehung galt als nicht standesgemäß und als unmöglich, so dass um die Identität der Mutter von Neuman Zeit seines Lebens ein Geheimnis gewoben wurde. Auch dann noch, als der Sohn weltberühmt und Mitglied der meisten europäischen Wissenschaftsakademien, Träger höchster Auszeichnungen und erster nach den Restriktionen bis 1841 frei gewählter Prorektor der Albertus-Universität Königsberg war (Rektor war der König selbst). Selbst seine Tochter und Biografin, die Malerin Luise Neumann, bewahrte noch dieses Geheimnis in ihrer Lebensbeschreibung des Vaters. Lapidar heißt es in ihrer Biografie:

… seine Mutter hat der kleine Franz nicht gekannt. Er wurde von seiner Großmutter erzogen.

Dem Kapitel über die Mutter Franz Neumanns setzt Luise Neumann diese Bemerkung voraus:

Wenn auch die Mutter und deren Vorfahren vergangenen Jahrhunderten angehören, so scheint es mir doch geboten, ihren Namen nicht zu nennen. Ich gebe das Bild der Mutter, wie mein Vater es mir überliefert hat, und lasse im Uebrigen sie selbst in ihren Briefen sprechen.

Erst mit Auffinden des Nachlasses von Neumann wurde aus der Vermutung Gewissheit.

Franz Neumann in seiner Studierstube in Königsberg (nach einem Ölgemälde seiner Tochter)
Franz Neumann in seiner Studierstube in Königsberg (nach einem Ölgemälde seiner Tochter)

Überhaupt ist vieles an Neumann auch außerhalb seiner Forschungen und des von ihm gemeinsam mit Carl Jacobi begründeten mathematisch-physikalischen Seminars bemerkenswert. Aus letzterem gingen immerhin so weltbekannte Wissenschaftler hervor wie David Hilbert, Gustav Robert Kirchhoff, Emil Wiechert, Arnold Sommerfeld und Neumanns Sohn Carl Gottfried, nach dem die Neumann-Reihe benannt ist. Er brachte seine Studenten dahin, nicht allein Aufgaben zu lösen, sondern

selbst Aufgaben zu stellen.

Neumann forderte

vollkommen freiwillige angestrengte Arbeit … ohne durch äußere Veranlassung oder Erfolg dazu aufzumuntern.

Mit Erfolg, mit großem Erfolg!

Als Neumann 1876 sein 50. Doktorjubiläum feierte, stifteten seine Schüler ein Förderstipendium, dass beide Weltkriege und die Inflation überstand, wenn auch ohne Restkapitel, und heute als Zustiftung zur Stiftung Königsberg weiter existiert. Um Neumann zu ehren wurde erst in Glambeck und seit 2013 im Potsdamer Extavium – das wissenschaftliche Mitmachmuseum ein Franz-Neumann-Seminar eingerichtet.

In seiner Jugend hatte Neumann gegen Napoleon gekämpft, Jahre später galt er als einer der letzten fünf Überlebenden der Befreiungskriege. Dabei war er schwer verwundet worden und hatte nur knapp überlebt. Eine Kugel hatte Teile seines Gesichts zerfetzt. Mühsam musste er das Sprechen wieder erlernen. Neumann hat seinen Leitspruch selbst gelebt:

… nur wenn man sich quält, kommt man zu was.

Selbst mit über 90 Jahren wanderte Neumann noch durch das Riesengebirge.

Mellin – der verschwundene Geburtsort von Franz Neumann

Eine mich sehr berührende persönliche Widmung des Ur-Ur-Enkels in der Neumann-Biografie von Neumanns Tochter Luise
Eine mich sehr berührende persönliche Widmung des Ur-Ur-Enkels in der Neumann-Biografie von Neumanns Tochter Luise

Der Geburtsort von Neumann, Mellin, hat eine ganz eigene Geschichte und ist heute verschwunden. Wir näher uns dem Ort von Parlow her, aus Zeitgründen mit dem Auto. Mellin war auch eines der Zaunsetzerdörfer wie Bebersee. Die Leute blieben aber arm und beschlossen um 1860, nach Amerika auszuwandern. Wenn man um die Geschichte des Ortes weiß, an seiner ehemaligen Stelle steht, erfasst man erst richtig die Leistung des jungen Franz Neumann. Er hat sich seine Bildung hart erkämpft, oft gehungert und gefroren, hat Rucksäcke voller schwerer Mineralien durch die Alpen geschleppt, die Aufmerksamkeit von Humboldt erregt und ist zu einem der bedeutendsten Physiker seiner Zeit geworden.

Nicht nur der Ort, auch der angrenzende See ist im Zuge von Meliorationsarbeiten heute verschwunden. Allerdings gibt es neuerdings starke Bemühungen, seine Landschaft wieder teilweise herzustellen. Der Grundwasserspiegel soll um 40 cm angehoben werden. An den tiefsten Stellen der Gegend wird dann wieder Wasser stehen.

Gedenken an Mellin und seine ehemaligen Bewohner
Gedenken an Mellin und seine ehemaligen Bewohner

1881, im Alter von über 80 Jahren, 20 Jahre nach der Auswanderung der Melliner, kehrte Franz Neumann noch einmal an die Stätte seiner Kindheit zurück:

Von der Oberförsterei … war keine Spur mehr zu sehen. Der kleine See, an dem es gestanden, war zur Wiese geworden, der Kirchhof, von dem der kleine Franz einst das Grabkreuz geholt hatte, war verschwunden; nur zwei alte Linden zeigten die Stelle an, wo er einst gewesen war. Sie stehen noch jetzt auf einem schönen Platze, der einen weiten Blick gewährt über Wiesen und Wälder. Heute beschatten sie ein Kreuz auf schönem Porphyrsockel, welches die Inschrift trägt: “Friede sei mit Euch.” Der jetzige Besitzer der früheren Schmelze hat es 1902 aus Pietät errichtet.

(Aus: Franz Neumann. Erinnerungsblätter von seiner Tochter Luise Neumann, Zweite Ausgabe, Tübingen 1907, S. 12/13)

Tatsächlich hatte Franz Neumann als sehr kleiner Junge einmal ein Grabkreuz entwendet, wie er selbst erzählte:

Das Jägerhäuschen lag mitten in schönem Buchenwald, in der Nähe eines Sees. Ein kleiner Garten gehörte zu dem Häuschen und durch die Gartenthüre gelangte man unmittelbar auf die Landstraße, diese überschreitend zu einem kleinen Kirchhof. Ich entsinne mich deutlich, daß ich eines Abends auf den Kirchhof ging und jubelnd nach Hause kam, beladen mit einem morschen Grabkreuz: ‘Ich habe so lange daran gerüttelt, bis es losließ’, rief ich triumphierend meiner Großmutter zu. Diese aber theilte meine Freude nicht, sondern sagte ernst: ‘Das Kreuz mußt du wieder hintragen, der Todte verlang nach seinem Kreuze. Er streckt die Hand danach zum Grabe hinaus.’ Es war dunkel. Ich mußte das Kreuz zurücktragen zu dem Grabe. Ich fühle es noch, welche Angst über mich kam, wie ich die Hand des Todten zu sehen glaubte. Ja, ich hätte krank werden können vor Angst, doch das war Nebensache. Hier kam es darauf an, E h r f u r c h t   z u   h a b e n   v o r   d e m ,  w a s   h e i l i g   i s t. So war die damalige Erziehung.

(ebenda, S. 1)

Die Taufkirche von Franz Neumann in Glambeck

Unser Weg führt weiter nach Glambeck. Wir besichtigen den nicht zu übersehenden Taubenturm, in dem sich Deutschlands vielleicht kleinstes Museum befindet. Es ist Friedrich Wilhelm von Redern gewidmet. Vom Taubenturm aus unter wir noch eine kleine Wanderung zu den Resten des Glambecker Schlosses und durch den kaum noch zu erahnenden ehemaligen Park zum Eiskeller, der heute Fledermäusen Quartier bietet, und weiter zur Badestelle am Glambecker See.

Nach unserer kleinen Wanderung fahren wir weiter bis zur Fachwerkkirche von Glambeck, der Taufkirche von Franz Neumann. Hier wurde er unter geheimnisvollen Umständen getauft. Es ist eine malerische kleine Kirche, in der heute Konzerte stattfinden. In der Kirche und in dem Ort wird heute ausführlich des großen Physikers gedacht. Ich trage mich in das ausliegende Gästebuch ein:

Ich freue mich, endlich die Taufkirche von Franz Ernst Neumann besichtigt zu haben. Vor über 20 Jahren habe ich über sein Werk und seine Wirkung geforscht.

So jedenfalls sinngemäß aus dem Gedächtnis nach einem ereignisreichen Tag. In der kleinen Station neben der Kirche stärken wir uns bei hausgemachtem Kuchen und Kaffee.

Am Nachmittag wandern wir durch den Grumsiner Forst, der zum Weltnaturerbe zählt.

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