Ódáðahraun, Herðubreið, Askja und Víti

Am Rande der Hölle
Am Rande der Hölle

15. Juli 2009

Über den Mond zur Hölle und zurück – so könnte man unseren heutigen Tag überschreiben.

Wir stellen uns den Wecker auf 5:45 Uhr. Wir brechen auf zu unserer ersten Fahrt ins Hochland. Es nieselt leicht. Ein Regenbogen wünscht uns Glück. Wir fahren dorthin, wo tatsächlich die NASA-Astronauten für die Mondlandung trainierten, nach Askja. Als wir die Ringstraße verlassen, wissen wir warum. Die erste Stunde ist die Landschaft grau, nur grau. Grau ist die Ebene, grau sind die Berge, grau sind die größeren Steine. Auch bei schönerem Wetter ist alles in einem einzigen Grauton eingefärbt. Heute ist sogar der Himmel Ton in Ton mit der Erde. Dem Auge bieten nur Formen, keine Farbtupfer Entspannung. Bald wird die Landschaft abwechslungsreicher. Erst ist sie nur schwarz, dann nur  dunkelbraun, später folgt anthrazit. Für diese Landschaft hätte der Farbfilm nicht erfunden werden müssen.

Farbfoto
Farbfoto
Schwarz-Weiß-Foto
Schwarz-Weiß-Foto

Eine weitere reichliche Stunde später gelber Sand. Zum gelben Sand gibt es schwarze Lavabrocken. Am Ende fahren wir durch schwarze und rote Lavefelder, in denen mehr oder weniger weiße Schneereste eingebettet sind. Ebenso wie die Farben wechseln die Formen. Es gibt Landschaften, die nur kleines Geröll enthalten. Andere Gegenden bieten mit größeren Felsen dem Auge Halt. Dann wieder nur größere Brocken oder nur feste Lavaformen. Schließlich kann die Struktur der Oberflächen zwischen Glatt und Rau und Porös wechseln. Alles zusammen ergibt eine wahrhaft abwechslungsreiche Ödnis, in der der Biologe seine Daseinsberechtigung verloren hat. Wenn man den Mond terraformen und mit einer Atmosphäre versehen würde, so muss es sein wie hier.

Auf dem Mond
Auf dem Mond
Weg, wohin?
Weg, wohin?
Leben!
Leben!
Über Lava
Über Lava
Lavafeld
Lavafeld
Farbenpracht
Farbenpracht
Gletscherfluss
Gletscherfluss

In alten Zeiten zogen sich hierhin die Vogelfreien zurück, weswegen die Gegend auch Missetäterwüste oder richtiger Missetäterlavafeld (Ódáðahraun) heißt. Es sollen Menschen überlebt haben. Wir haben Glück, die Piste durch diese Region, Landschaft mag man das gar nicht mehr nennen, wird gerade erneuert. An einigen Stellen können wir sogar 80 fahren. Eine Kurve, plötzlich unsere erste Furt. Ein freundlicher Isländer hatte uns gestern noch erklärt, wie man da durchkommt. Erst einmal tief Luft holen! Mehr Differential muss auf die Räder. Schalter von Allrad mit etwas Differential auf N wie Neutral. Kupplung und Bremse drücken, Schalter bis auf Allrad mit viel Differential hochdrehen. Als nächstes, sich die Fahrspur ansehen. Wie sind die anderen gefahren? Dann den ersten Gang rein. Eine Furt wird immer in leichtem Bogen nach flussabwärts durchfahren. Dort sammelt sich das Geröll. Los geht es, ab ins Wasser. Erst ein wenig nach links, ab der Mitte wieder nach rechts. Das andere Ufer ist erreicht. Differential rausnehmen. Geschafft. Ausatmen.

Unsere erste Furt
Sehnsucht nach Farbe
Sehnsucht nach Farbe
Gebrauchsanleitung
Gebrauchsanleitung

In der zweiten Furt würge ich den Motor ab. Mitten im Fluss. Offenbar geht das nicht im zweiten Gang. Ruhe bewahren. Motor wieder an. Auf den ersten Gang runter schalten. Das ging ja noch einmal gut. Die dritte Furt und die Rückfahrt klappen ohne Probleme.  Zwei Stunden fahren wir durch grau und schwarz, durch schwarz und grau, plötzlich sehen wir ein rotes Dach, gleich darauf grün. Ein paar magere Hochlandgräser werden zur lieblichen Oase. Die Oase Herðubreið liegt am Fuße des in einer Volksabstimmung zum Nationalberg der Isländer gewählten gleichnamigen Herðubreið, der für uns im Nebel verschwindet. Wir stoppen nur kurz, weiter geht es Richtung Askja.

Oase in Sicht
Oase in Sicht
Oase Herðubreið
Oase Herðubreið
Oase
Oase
Solaranlage
Solaranlage
Notlandeplatz
Notlandeplatz
Herðubreið
Herðubreið
Kreuzung
Kreuzung
Einsamer Wegweiser
Einsamer Wegweiser

Mitten in der gelb-schwarzen Landschaft stehen richtige Verkehrsschilder. Verkehrsschilder auf dem Mond! Endlich erreichen wir Dreki. Fast 100 km, eine gefühlte Unendlichkeit auf unwegsamem Weg liegen hinter uns. Stunden durch eine uns immer mehr faszinierende Ödnis. Wir fühlen uns zurückgeworfen in die Entstehungszeit der Erde, in eine Zeit ohne Leben. Wir spüren etwas Ursprünglicheres als das, was wir gewohnt sind, mit Natur und Umwelt zu assoziieren. Die Fahrt nach Askja ist Faszination in einer eigenen Liga.

Welches Foto ist das Farbfoto?
Welches Foto ist das Farbfoto?

Hinter Dreki fahren wir noch acht Kilometer bis auf einen kleinen Parkplatz im Nebel. Ungeachtet der schlechten Sicht machen wir uns auf den Fußmarsch. Man fährt nicht 100 km durch eine Mondlandschaft, um dann im Auto sitzen zu bleiben. Also ziehen wir unsere Wandersachen und alles was sonst noch greifbar ist an und machen uns auf den Weg durch die Wolken. Es sind 2 Grad, plus immerhin. Und es ist trocken.

Beeindruckend!
Beeindruckend!
Los geht's!
Los geht’s!
Orientierungshilfen
Orientierungshilfen
Im Nebel
Im Nebel
Die Hölle (Víti)
Die Hölle (Víti)
Auf eigene Gefahr
Auf eigene Gefahr
Faszinierendes Farbenspiel
Faszinierendes Farbenspiel
Lava
Lava
Noch glühend?
Noch glühend?
Eine Alternative
Eine Alternative

In einem Reiseführer hatte wir gelesen, es kann hier sogar im Sommer Schneeregen geben. Keine Stunde später können wir das bestätigen. Wir hangeln uns von gelber Holzstange zu gelber Holzstange über meist schwarze und manchmal rote Lavafelder und durch Reste matschigen Schnees. Die gelben Wegweiser sind im Nebel nur noch schemenhaft wahrzunehmen. Wir stapfen vor uns hin. Und dann blicken wir in die Hölle. Vor oder besser unter uns liegt Víti, auf isländisch eben Hölle. Víti, ist ein Kratersee mit schefelhaltigem grünlichen Wasser von 28 Grad. Wer nicht geruchsempfindlich ist, kann hier in der Hölle baden, und das trotz des ungemütlichen Wetters ringsum. Nur, der Weg zur Hölle ist steil und schmierig. Víti, war nicht immer ein See, sondern zuerst ein Vulkankrater. Sein Ausbruch im Jahre 1875 verwüstete große Teile Islands und verursachte eine Auswanderungswelle. Víti, liegt am Rande eines der größten Kraterseen der Welt, des tiefsten See Islands, dem Öskjuvatn. Wir können seine Umrisse in den Wolken gerade noch ahnen – und sind beeindruckt. Dann treiben uns der einsetzende Schneeregen und die dichter werdenden Wolken zurück zum Auto.

[wpmaps]

Jetzt machen wir in Dreki einen Stopp, und können ein Geheimnis lüften. Auf dem Mond weht nicht die amerikanische Flagge. Auf dem Mond weht die Flagge Islands. Und auch Lunachod dürfte ein isländisches Nummernschild haben. Hier, an diesem so unwirklichen Ort, 100 km weg von der Zivilisation, gibt es sogar ein Zeltlager. Wer will, kann sicher in einem der hier stehenden weißen Zelte auf schwarzgrauem Grund übernachten. Wir steigen noch in die Drekagil, die Drachenschlucht, und werden mit einem kleinen Wasserfall belohnt.

Zeltplatz auf dem Mond
Zeltplatz auf dem Mond
Einsiedler
Einsiedler
Fahne auf dem Mond
Fahne auf dem Mond
Und bis hierher?
Und bis hierher?
Dreki
Dreki
Drachenschlucht
Drachenschlucht
Geologie
Geologie
Versteckter Wasserfall
Versteckter Wasserfall

Während wir  uns gerade gegen den Schneeregen von Víti zurück zu unserem Auto kämpften, sprang uns aus dem Nebel plötzlich ein Wikinger an, mit Schild und Streitaxt, mit Fellmütze – und mit Regenumhang aus dem Treckingladen. Wohin wir wollten, fragte er mit dunkler Stimme in bestem Englisch. You have to pay, setzt er fort. Auf die Frage, wie viel, lachte er und verschwandt mit seinen Begleitern wieder im Nebel. Auf dem Parkplatz in Dreki treffen wir ihn wieder. Statt zu hupen bläst er in sein Horn. Als ich ihn bitte, das noch einmal für ein Foto zu machen, folgt er dem bereitwillig und überreicht mir anschließend seine Visitenkarte. Danach ist er Hermann von WikingerTravel. Ich solle als Dank die Visitenkarte meinen Freunden weitergeben und so ihn und seine Touren durch Island empfehlen. Das passiert hiermit:

Danke!
Dank an Herrmann Valsson

Der Rückweg vom Mond ist lang, länger als der Weg hierher. Das Wetter ist genauso trüb wie bei der Herfahrt, trotzdem kann man weiter sehen. Wir ahnen, wie grandios und eindrucksvoll die Fahrt zu Askja erst bei blauem Himmel sein muss. In der Ferne werden bunt gefärbte Berge sichtbar. Am Ende werden wir fast 10 Stunden in wechselnder Mondlandschaft verbracht haben. Wenn man einmal innehält, die Fantasie wandern lässt, dann ist es für einen kurzen Augenblick wie damals, als Armstrong seine berühmten Worte sprach.

Am Ende des Tages kommen wir noch an mit Erdwärme beheizten Gewächshäusern vorbei.

Mondgestein
Mondgestein
Rückfahrt
Rückfahrt
Straße nach Askja
Straße nach Askja
Mystisches
Mystisches
Orientierung
Orientierung
Lavaskulptur
Lavaskulptur
Jökulsá á Fjöllum
Jökulsá á Fjöllum
Farbtupfer
Farbtupfer
Schlucht
Schlucht
Wüstenpflanze
Wüstenpflanze
Muster
Muster
Jökulsá á Fjöllum
Jökulsá á Fjöllum
Bunte Berge
Bunte Berge
"Straßen"arbeiten
“Straßen”arbeiten
Geothermie
Geothermie
Gewächshäuser
Gewächshäuser

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