Tageswanderung bei Hveragerði

Großer Brachvogel
Großer Brachvogel
Im Naturbad !!!
Im Naturbad !!!

18. Juli 2009

Heute machen wir uns nach den vielen Autofahrten endlich zu einer etwas größeren Wanderung auf. Es wird eine der eindrucksvollsten, wenn nicht sogar die eindruckvollste, die wir je gemacht haben. Drei und eine halbe Stunde sollten es laut Reiseführer sein, bei uns werden es trotz eines hektischen Rückmarschs fast sechs Stunden.

Früh schmeißt uns wie so oft der Regenrachvogel mit seinem Geflöte aus den Federn. Dem lustigen Vogel mit dem langen, krummen Schnabel kann man jedoch nicht böse sein. Alle Zeit trällert und pfeift und flötet er sich eins. Wenn er irgendwo steht oder sitzt, wenn er läuft und selbst wenn er fliegt. Dabei beherrscht er eine erstaunliche Palette lustiger Töne. Er klingt, als ob er seinen Schabernack mit uns treiben will. Das macht er auch. Immerzu hüpft und flattert er vor oder neben einem herum – bis man ihn fotografieren, filmen oder seinen Gesang aufnehmen will. Dann ist kein Regenbrachvogel weit und breit zu hören. Allerhöchstens in weiter Ferne lässt er sich vernehmen, damit man ihn nicht vergisst. Gibt man endlich auf, packt alle Technik wieder ein, dann ist er wieder da, setzt sich auf die Antenne des Hauses und trällert fröhlich vor sich hin.

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[audio:https://unterwegsblog.de/wp-content/uploads/2010/05/Brachvogel.mp3]

(Länge: 1:38 Min.)

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Flug
Flug
Landeanflug
Landeanflug
Landung
Landung
Gelandet
Gelandet

Wir fahren nach Hveragerði im Gebiet des Vulkansystem des Hengill. Im (dicht) besiedelten südwestlichem Teil sind die Straßen fast immer geteert. Und geteerte Straßen sind in Island in einem Zustand, den manche deutsche Straße schon lange nicht mehr gesehen hat. Insofern gehören die schlechten Straßen Islands entweder früheren Zeiten an oder sind einfach nur ein Vorurteil. Wir fahren wieder durch eine weite Ebene. Überhaupt, in Island ist der Horizont besonders weit entfernt. Zwischen all den Vulkanen und Gletschern erstreckt sich ein wahres Puzzle von Ebenen. Material, Färbung und Struktur ändern sich, was bleibt, ist der freie, weite Blick. Island erscheint uns als Patchwork grauer, schwarzer, brauner oder blassgrüner Flächen, das Weiß der Gletscher nicht zu vergessen.

Kein Baum, kaum ein Hügel wagt es, diesen Blick zu verstellen. Es muss ein selbstbewusstes Volk sein, das von Kindheit an so oft so weit sehen kann.

In Hveragerði biegen wir hinter dem Sportplatz in eine schmale Straße ein, der wir das kurze Stück bis zum Beginn der Berge folgen. An einer kleinen Furt stoppen wir und ziehen uns die Wanderschuhe an. Wir überqueren den kleinen Fluss auf zwei riesigen Baumstämmen, über die Bretter genagelt sind. Wir haben bisher in Island keinen einzigen Baum gesehen, der auch nur in die Größenordnung eines Viertels dieser mächtigen Stämme käme.

Kochendes Wasser
Kochendes Wasser
Böse Falle
Böse Falle

Wir haben den Aufstieg in die Berge noch gar nicht richtig begonnen, da stehen wir vor einem Wasserloch von ein bis zwei Metern Durchmesser, in dem Wasser laut blubbernd und sprudelnd kocht wie in keinem der vielen heißen Quellen zuvor. Nicht weit von dem Loch mit dem kochenden Wasser befindet sich ein zweites Loch, aus dem ohne Unterlass zischend heiße Luft entweicht. Erst als wir uns von dem heißen Wasserloch abwenden bemerken wir die Einbrüche im Wanderweg. Sie sind groß genug, um darin zu versinken. Der Wanderweg ist an dieser Stelle unterhöhlt. Wer immer hineinfällt, den erwartet heiße Erde. Soviel ist zu spüren. Unser Respekt vor diesem Gebiet ist schlagartig gestiegen. Im Übrigen soll ein Unglück, bei dem ein Mann bei Dunkelheit in ein solches heißes Erdloch gefallen und gestorben war, zur ersten Straßenbeleuchtung Islands in Hveragerði geführt haben.

Wir steigen weiter bergan und bald blicken wir in tiefe Schluchten und in ein liebliches Tal, in dem an allen Ecken und Enden heiße Luft aus der Erde dampft. Links, weiter hinten, in einer Nebenschlucht steigt gleich mehrfach weißer Dampf auf. Unter uns, in dem Tal, in das wir gleich hinabsteigen werden, dampft es in der Mitte des rechten Hanges ebenfalls. Unser Wanderweg, so viel können wir sehen, führt mitten hindurch. Zuvor kommen wir an einen Bach, über den keine Brücke führt. Die Furt lässt sich auch nicht durch ausbalanciertes Hopsen von Stein zu Stein überbrücken. Es bleibt uns nichts weiter übrigen, als die Schuhe auszuziehen, die Hosen hochzukrempeln und durch diesen klaren Bach in mitten von Hochgebirgsvegetation zu waten. Da, wo wir eisige Kälte und prickelnde Schmerzen erwarten, empfängt uns angenehme Wärme. Der Gebirgsbach mit geschätzten 20, 25 Grad widerspricht so sehr allen Erfahrungen, die wir uns in unserem bisherigen Leben über Gebirgsbäche angeeignet haben. Und das macht seine Faszination aus. Aber es sollte noch besser kommen, viel bessere.

Spannende Variante
Spannende Variante
Saftiges Grün
Saftiges Grün
Markierung
Markierung
Wanderweg
Wanderweg
Dampf voraus
Dampf voraus
"Unser" Tal
“Unser” Tal
Dampfende Erde
Dampfende Erde
Wasserprobe
Wasserprobe
Warmer Gebirgsbach
Warmer Gebirgsbach
Wohin man auch schaut
Wohin man auch schaut
Da durch?
Da durch?
Heiße Quelle
Heiße Quelle
Unter Dampf
Unter Dampf
Heißes Land
Heißes Land
Badestelle
Badestelle I
Badestelle II
Badestelle II
Badestelle III
Badestelle III
Heißer Bach
Heißer Bach I
Heißer Bach II
Heißer Bach II
Heißer Bach III
Heißer Bach III
Heißer Bach IV
Heißer Bach IV
Romantik pur
Romantik pur
Islandpferde
Islandpferde
Heißer Bach V
Heißer Bach V
Rückblick
Rückblick

Wir passieren den Geröllhang und blicken auf die dampfenden Löcher unter, über und neben uns. Links unten zischt es in hellem Ton, weiter vorn blubbert etwas tief und ruhig vor sich hin, weiter oben bodelt etwas aufgeregt, das wir nicht sehen können. In einem der Löcher qualmt es nicht nur gewaltig, sondern in dem weißen Dampf sieht man auch schwarzen Modder bis zu einem Meter hochspritzen. Ein leichter Schwefelgeruch weht uns an. Wir steigen wieder zu den saftigen Wiesen und dem Bach hinunter – und sehen den Menschen zu, die sich wohlig in dem Gebirgsbach baden. Es sieht nach einem himmlischen Vergnügen aus. Wir ziehen weiter, zunächst. Vorbei an einer Gruppe Pferde mit Reitern, die mit uns aufgebrochen waren. Die Pferde inmitten der Berglandschaft mit den vielen hellen Dampfsäulen ist ein weiteres, unwirklich erscheinendes Bild.

Aufstieg
Aufstieg
Nicht abrutschen
Nicht abrutschen
"Unser" Tal
“Unser” Tal
Farben und Formen
Farben und Formen
Spannung
Spannung
Am Wegesrand
Am Wegesrand
Unglaublich
Unglaublich
Unerwartete Farbe
Unerwartete Farbe
Wolle
Wolle

Nach der Umrundung eines Berges an zahlreichen weiteren geothermischen Zeichen vorbei steigen wir endlich auch zu diesem Badebach hinab. Wir treffen auf ihn an einer ganz besonderen Stelle. An ihr mischen sich ein heißer Bach, in dem man sich verbrühen würde, und ein kalter Bach, wie man ihn ordentlicherweise in einer solchen Gebirgsgegend erwarten darf. Nur einige Meter weiter erliegen auch wir der Versuchung.

Ein heraufziehendes Gewitter macht unsere Badekur zum leichtsinnigen Wagnis. Aber es ist die stärkste Versuchung, seit es das Wandern gibt. Wir müssen uns einfach ausziehen, und in den Bach steigen. Badehosen haben wir hier natürlich immer dabei. An unserer Stelle ist es noch ziemlich warm, wir denken, so knapp über 40 Grad, maximal 45. Wem das zu heiß ist, kein Problem, der läuft noch einige Meter weiter bachabwärts und steigt dort hinein. Der Bach ist wie eine lang gestreckte, vielfach gewundene Badewanne, in der man die Temperatur frei zwischen 50 und 20 Grad wählen kann.

Zum Bad
Zum Bad
Warnung
Warnung
Zusammenfluss
Zusammenfluss
Badeplatz
Badeplatz
Im Thermalbad
Im Thermalbad

Wir sitzen in dem wohltemperierten Wasser, das unsere Körper wohlig warm umschmeichelt, kuscheln uns an eine kleine Stromschnelle – und gehen raus, da das Gewitter jetzt fast über uns ist. Der Leichtsinn hat seine Grenzen. Jedenfalls bei uns, andere, die gerade erst den Bach erreichen, steigen, Gewitter hin, Gewitter her, in den Bach. Ich glaube, es geht einfach nicht anders. Man muss da rein! Wir sind froh, die zuckenden Blitze, den unmittelbar darauf einsetzenden Donner und den leichten Nieselregen zu überstehen. In der Furt, an der unser Auto steht, waschen wir den gröbsten Modder, der an den Sohlen klebt, von unseren Wanderschuhen. Im Zentrum der 2000-Einwohner-Stadt setzen wir uns in ein kleines Bisto, genießen das Gebäck, das hier nicht ganz so zuckersüß ist, wie es die Isländer offenbar mögen. Wir trinken den leidlich guten Kaffee, den man sich kostenlos immer wieder nachholen kann.

Abends, nach dem Abendbrot, sitzen wir, na klar, wieder im Hot Spot auf unserer weitläufigen Terrasse.Das Wasser hat dieses Mal sogar über 40 Grad. Zwar fehlt es heute Abend an dem zauberhaften nördlichen Abendlicht, dafür geben uns der Große Brachvogel und die Isländische Uferschnepfe ein herrliches Duett. Krebsrot steigen wir aus dem Wasser, alle Muskelfasern gut durchwärmt. Kurzentschlossen fahre ich noch einmal los, dem Großen Geysir und Strokkur gute Nacht zu sagen. Belohnt werde ich durch die Ruhe dort. Ich bin mit einigen wenigen Russen allein dort. Die Tonaufnahmen werden kaum gestört. Ich habe lediglich die Wartezeit zwischen zwei Ausbrüchen auf 30 Sekunden verkürzt. Der zweite Ausbruch ist, wie man leicht hören kann, sogar ein doppelter. Noch während das Wasser des vorhergehenden Ausbruchs zurück läuft, erfolgt ein weiterer, kleinerer.

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[audio:https://unterwegsblog.de/wp-content/uploads/2010/05/Strokkur.mp3]

(Länge 1:21 Min.)

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Belohnt werde ich auch mit einige Fotogelegenheiten gegen das Licht in den abendlichen Wolken.

Wegflug
Wegflug
Uferschnepfe
Uferschnepfe
Limosa limosa
Limosa limosa
Strokkur
Im Gegenlicht
Im Gegenlicht
Strokkur
Dampfbad
Dampfbad

Siehe auch Artikel Im heißen Bach bei Hveragerði.

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